Kategorie: Bildung

Hood Training

Im Bremer Stadtteil Tenever wird seit 2010 ein regelmäßiges, offenes und kostenloses Sport- und Betreuungsprogramm angeboten. Geschulte Trainer und Pädagogen arbeiten mit Kindern und Jugendlichen aus der Nachbarschaft und nutzen den niedrigschwelligen Zugang, um Beiträge zur Persönlichkeitsbildung der TeilnehmerInnen zu leisten. Die Sportart Calisthenics (Street Workout) und urbane Jugendkultur werden als Zugang genutzt, um Bildungsinhalte zu vermitteln.

Daniel Magel, der Initiator des Hood Trainings, ist selbst im Jugendalter nach Deutschland gekommen und lebt seitdem im Stadtteil Bremen-Tenever. Dort erlebte er selbst, wie schnell Perspektivlosigkeit, Langeweile und fehlende Angebote zum Abgleiten in problematische Verhaltensmuster führen können. Aus diesem Grunde studierte er Inklusionspädagogik und rief 2010 das Hood Training ins Leben, um sich den Problemen zu widmen, die er in seiner Nachbarschaft vorfand. Tenever war ein Stadtteil, in dem Jugendliche oft in Kriminalität, Gewalt oder Drogenkonsum abglitten. In den 1990ern und 2000er Jahren gab es offene Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen - oft aus verschiedenen Kulturkreisen.

Das Hood Training:

  • organisiert offene Jugendarbeit, will heißen, regelmäßige, kostenlose Trainingseinheiten, die von Pädagogen und Übungsleitern begleitet werden
  • arbeitet in Einrichtungen mit Jugendlichen zusammen
  • leitet Schul-AGs an drei Schulen
  • bietet kostenlose Workshops und Camps für Jugendliche an 
  • ermöglicht ausgewiesene ehrenamtliche Betätigung
  • bietet Fortbildungen zum "Hood Trainer" für andere Träger, die Interesse an der Umsetzung des Projekts haben

Tenever hat sich positiv entwicklet, ist jedoch immer noch ein Stadtteil mit strukturellen Problemen. Wie in anderen Großstädten, fehlen auch hier Angebote, die sich auf Jugendliche konzentrieren. Die gleichen Probleme bestehen auch in anderen Bremer Stadtteilen. Besonders mangelt es einerseits an offenen, unverbindlichen Angeboten abseits gängiger Vereinsstrukturen. Andererseits fehlen Projekte, die erfolgreich die Jugendlichen ansprechen, die sich herkömmlichen Angeboten entziehen. Dies sind die Jugendlichen, die ihre Freizeit an der Konsole oder "auf der Straße" verbringen. Die meisten Jugendhäuser werden bestätigen, dass es schwer ist, dieses Klientel zu erreichen. Dies liegt, unter anderem, daran, dass sie nicht "beschult" werden wollen.

Genau diese schwer erreichbaren Jugendlichen werden durch das Hood Training angesprochen. Durch die Authentizität der Trainer, die die Situation der Jugendlichen kennen, die die großen Geschwister der Jugendlichen kennen und die die gleiche Sprache sprechen, wie die Jugendlichen, entsteht eine Brücke. Unterstützt durch die gemeinsam ausgeübte Sportart (Calisthenics/Street Workout) sowie urbane Jugendkultur (Hip Hop, Graffiti) und das gezielte Einbinden von Social Media können Jugendliche auf einer anderen Ebene erreicht werden, als durch herkömmliche Angebote. Neben dem sportlichen Angeboten, versteht sich das Hood Training als Bewegung, an der Jugendliche teilnehmen und mit der sie sich identifizieren können.

Pädagogisch widmet sich das Hood Training der Persönlichkeitsbildung und verfolgt den Ansatz, Vorurteilen, Aggressionen und Perspektivlosigkeit entgegenzuwirken. Durch das sportliche und pädagogische Angebot werden Hemmschwellen abgebaut, Brücken geschaffen, Kommunikation und Teamwork gefördert. Kurzum: es wird ein Ort der Begegnung geschaffen, der Jugendliche in einem offenen, kostenlosen aber pädagogisch begleiteten Rahmen zusammenbringt und ihnen zeigt, wie mit Aggressionen umgegangen werden kann. Nicht nur das. Den Kindern und Jugendlichen soll gezeigt werden, dass sie über sich hinauswachsen können. Dass sie ungeachtet ihrer Herkunft teilhaben können. Dass Werte, wie Gewaltlosigkeit, Pünktlichkeit und Disziplin ihnen beim Erreichen ihrer Ziele helfen können. In diesem positiven Rahmen, können pädagogische Ansätze greifen. Der Sport ist das Mittel zu diesem Zweck. 

Die Übernahme von Verantwortung spielt eine wichtige Rolle im pädagogischen Konzept. TeilnehmerInnen, die bereits länger bei der Sache sind, übernehmen Vorbildrollen für jüngere. Es handelt sich um ein informelles Patenschaftsmodell. 

Das Hood Training arbeitet auch über die offenen Angebote hinaus. In ganz Bremen und Deutschland werden Workshops organisiert, Messen besucht und Shows abgehalten. Die Jugendlichen, die am Programm teilnehmen, werden in diese Aktivitäten eingebunden - ob Graffiti Workshop in Bremen-Grohn oder Sport-Show im Bremer Rathaus oder in Berlin auf der Jugendmesse. 

Die TeilnehmerInnen des Trainings haben immer die Möglichkeit, auch an weiterführenden Aktivitäten mitzuwirken - sie sind Teil der Bewegung. Diese Aktivitäten können sie sich zertifizieren lassen und erarbeiten sich so eine Urkunde, die sie später auch bei Bewerbungen nutzen können.

Das Konzept des Hood Trainings funktioniert abseits des offenen Trainings im Stadtteil auch im Rahmen von Einrichtungsbegleitungen, wobei jedoch mit konkreteren Zielvorgaben gearbeitet wird. So auch in der Justizvollzugsanstalt Bremen, wo das Hood Training minderjährige Insassen im Rahmen der Resozialisierungsphase begleitet.

Gerade deshalb, weil Kinder und Jugendliche des öfteren zu gewalttätigen Konfliktlösungmethoden greifen, sollte man ihnen so früh wie nur möglich Anregungen und Angebote darbieten, die im Rahmen der sportlichen Regelauslegung die Kinder dazu bringen, ihre Kräfte und Aggressionen auf eine friedliche, strukturelle Art und Weise in einer gewohnten Umgebung abzulassen. 
Im diesem Kontext sozialpädagogischer Maßnahmen gewinnen körper- und bewegungsbezogene Konzepte der Gewaltprävention durch Sport zunehmend an Bedeutung. Dazu zählen traditionelle und sportartenspezifische Angebote, Abenteuersport, differenzierte körper- und bewegungsbezogene Konzepte und der Einsatz von Kampfkünsten. Solche Konzepte haben das Ziel, Kindern das Wissen um neue Wege zur Konfliktlösung zu eröffnen und die Gewalt zu vermindern und zu verhindern.
Dabei ist es wichtig, Kinder auf der Beziehungsebene durch Sport zu erreichen. Ihnen soll die Möglichkeit geboten werden, ihre Grenzen auszutesten, die gemeinsam aufgestellten Regeln akzeptieren zu lernen und Fairness zu praktizieren. All diese Fähigkeiten brauchen die Menschen heutzutage, um in der Gesellschaft teilzunehmen und auf eine angemessene Art und Weise miteinander zu kommunizieren.
Einige Wissenschaftler beschreiben die Rolle und Wirkung des Sports in der Kinder- und Jugendgewaltprävention“ Sport als einen Ausdruck des Lebensgefühls vieler Kinder, in dem nicht nur Kraft, Ausdauer und Einsatz abverlangt werden, sondern auch ein Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz herrscht, was zur Entstehung neuer Beziehungen führen kann. Aggressionen und motorischer Bewegungsdrang können „gesteuert“, vorhandene körperliche Fähigkeiten eingesetzt sowie Schwellenängste abgebaut werden. Das Selbstwertgefühl kann gestärkt werden, Eigenverantwortung sowie Selbstständigkeit wird stimuliert.

Das Hood Training ist konstruktiver Teil der sozialen und sportlichen Infrastruktur in Bremen-Tenever, es bringt Kinder, Jugendliche und sogar Eltern mit verschiedensten Hintergründen zusammen, baut Vorurteile und Begegnungsängste ab, trägt zu Persönlichkeitsbildung bei und vermittelt Wissen in den Bereichen soziale Interaktion und Gesundheitsprävention. 

KOMMENTARE

PROJEKT TEILEN




Dieses Projekt unterstützen

STANDORT

INFOS

Kategorie: Bildung

Adresse: Universitätsallee 3 , 28359 Bremen, Deutschland